Kiek mol in!

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Streitpunkt
11.04.2021

Sprache lebt. Zu beobachten, wie sie sich verändert und welchen Einflüssen sie unterliegt, ist eine spannende Angelegenheit. Als Autorin gucke ich genau hin: Wie entwickelt sich die Sprache? Was ändert sich? Welche Änderungen sind zwingend, welche optional? Was übernehme ich für mich und meine Bücher?

Da kommen wir nun an einen Punkt, der unsere Gesellschaft polarisiert.

Wenn die Nachrichtensprecher oder die Moderatoren von Talkshows abends im Fernsehen von den „Zuschauer  innen“ reden, frage ich unwillkürlich: Und die Zuschauer  außen, was ist mit denen?

Stellen Sie sich vor, Sie würden in einem meiner Bücher Folgendes lesen:

„Die Kommissar:innen versammelten sich am Tatort. Die Täter:in war vermutlich ein Mann. Er oder sie hatte offenbar im Kampf mit dem Opfer ein grobgliedriges Armband verloren, wie es nur Männer tragen. Die Reporter:innen, die von der Tat Wind bekommen hatten, traten auf die Leiterin der Kriminaltechniker:innen zu.“

Sie merken, worum es mir geht?

In Abwandlung eines bekannten Sprichwortes treibe ich es weiter auf die Spitze: „Der- oder diejenige, der oder die sich in Gefahr begibt, muss damit rechnen, dass es ihn oder sie hart trifft und er oder sie in dieser Gefahr ums Leben kommt.“

Denken Sie auch an die „Flüchtenden“, die den Begriff der „Flüchtlinge“ ersetzt haben. An die Studierenden, die Mitarbeitenden und die Handwerkenden, von denen man neuerdings liest. Unwillkürlich frage ich mich: Wie sieht es mit den Bäckern, den Tischlern und den Schauspielern aus? Bezeichnen wir die nun als Backende, Tischlernde und Schauspielernde? Werden Daumenlutscher zu Daumenlutschenden, Hosenscheißer zu Hosenscheißenden? Oder sind es Daumenlutscher:innen und Hosenscheißer:innen?

Es geht ja längst nicht mehr allein um die Gleichstellung der Frau. Es geht um Diversität und um die - absolut notwendige - Gleichstellung von Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht eindeutig zugehörig fühlen. Ich warte nur darauf, dass sich auch dies in einer eigens dafür erfunden Form in der deutschen Sprache niederschlagen wird.

Erste Ansätze dazu habe ich kürzlich in einem Beitrag einer Personalberaterin entdeckt. Sie schlug vor, Mitarbeiter oder Bewerber in Anschreiben nicht mehr mit „Herr“ oder „Frau“ anzureden, sondern mit Vor- und Zunamen: „Sehr geehrter Peter Mustermann, sehr geehrte Daniela Musterfrau“. Sie plädierte für diese Art der Anrede, damit sich niemand in die „Schublade Mann“ oder in die „Schublade Frau“ geschoben fühlt, der sich selbst darin nicht wiederfindet. – Die Expertin hatte wohl übersehen, dass unsere Vornamen uns als Wesen entweder männlichen oder weiblichen Geschlechts dastehen lassen.

Nein, ich gendere nicht. Weder in meinen Büchern noch in Gesprächen. Auch dann nicht, wenn meine Weigerung als politisch inkorrekt erachtet wird. Mein Freundeskreis besteht aus hetero-, homo- und transsexuellen Menschen. Meine Achtung vor ihnen drückt sich in meiner Haltung ihnen gegenüber aus.

Ich plädiere dafür, die Verhunzung der Sprache zu stoppen. Wie viel sinnvoller wäre es, die Diskriminierung von Menschen, die sich zu benachteiligten Gruppen zählen, im privaten und beruflichen Alltag durch aktiv gelebte Menschenrechte zu beseitigen, statt Pseudo-Toleranz durch künstliche Worthülsen zu erzwingen?!

Ist die deutsche Sprache nicht schon schwierig genug? Müssen wir sie noch komplizierter machen? Müssen wir den Schülern und den Migranten in unserem Land das Erlernen dieser Sprache noch mehr erschweren?

 

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